Schon immer wollte ich Ärztin sein

Desing & Home Magazine, Januar 2008

Die Geschichte von Zuzana Černá ist ein Beweis dafür, dass ein Mensch, der eine klare Vision, festen Willen und die Unterstützung seiner Nächsten hat, schließlich immer an sein Ziel gelangt, auch wenn seine Wege noch so verzwickt und voller Hindernisse sein mögen.

Text: Vladimíra Storchová

Ist es schwer gewesen, sich für die Karriere eines plastischen Chirurgen zu entschließen? Bedeutete es nicht auf Kinder, auf Familie zu verzichten?

Über so etwas musste ich zum Glück nicht nachdenken, weil ich ein Kind schon auf dem Gymnasium hatte.

Wie bitte?

Genauer gesagt, unser Sohn ist vierzehn Tage nach dem Abitur zur Welt gekommen.

Zukünftige Mutter – das ist für die Oberschule keine geläufige Erscheinung. Haben sie Probleme gehabt?

Aber gar nicht. Wenn ich während der Pausen im Gang herumspazierte, hatten eher vierzehnjährige Jungen aus den ersten Klassenstufen Probleme damit. Es war vor dreißig Jahren sicherlich nicht geläufig. Niemals hatte man mir aber angedeutet, dass ich aus der Schule hätte ausgeschlossen werden sollen, oder dergleichen. Mein Mann besuchte das gleiche Gymnasium (fünf Jahre vor mir), so auch seine Schwester, also kannten sie uns alle und ermunterten uns. Zu unserer Hochzeit ist die ganze Klasse gekommen, auch die Lehrer.

Das Medizinstudium ist kein Spaß und mit einem Kind schon gar nicht!

Es klingt wohl wie eine abgedroschene Phrase, aber ich wollte wahrscheinlich schon immer Ärztin sein (Sie wissen ja, wenn der Vater Arzt ist). Die Ferien über bin ich in Krankenhäuser, Gebäranstalten usw. gegangen. Aber da ich die Aufnahmegespräche mit einem dreiwöchigen Baby machte, habe ich die Dinge nicht zu ernst genommen. Dann kam die Bekanntmachung von der Fakultät, dass ich angenommen wurde und ich begann zu heulen. Auf einmal wusste ich nicht, was ich machen sollte. Das Verlangen nach Medizin war immer noch stark, aber mein Mann musste für ein Jahr in den Wehrdienst, dann war das Kind hier... in dieser Zeit beginnen sich die Werte für eine Frau ziemlich zu ändern – die Natur hat es schon so klug angestellt. Wir haben alles mit meinem Vater besprochen und der sagte: „Versuche es, du hast eine Chance bekommen, nutze sie also. Aufgeben kannst du es ja immer.“ Also habe ich es versucht.

Und weiter?

Es haben wirklich alle mitgeholfen, auf das Kind haben die Eltern, die Großmutter oder der Bruder aufgepasst, manchmal bin ich mit dem Kinderwagen in die Vorlesungen gegangen. Ich konnte es mir erlauben, mein Sohn war von klein auf so ein lächelndes Sonnenschein, zufrieden, niemals hat er geweint oder Ärger gemacht.

Für die plastische Chirurgie waren sie von Anfang an entschlossen?

Überhaupt nicht, das Medizinstudium habe ich mit der Vorstellung davon begonnen, dass ich mich der Geburtslehre widmen würde. Kinder auf die Welt zu bringen halte ich für eine wunderschöne Profession. Im vierten Semester bin ich aber dem Herrn Dozent Měšťák begegnet. Er ist unser Assistent gewesen und hat uns einerseits dank seiner Individualität und seines herzlichen Benehmens wegen, andererseits, und das insbesondere, durch sein Können ganz für sich gewonnen. Ich würde sagen, dass es gerade er war, der mich für die plastische Chirurgie begeisterte. Sein Fach, damals allgemein weniger bekannt, hat es mir angetan. Außerdem stimmte es mit meiner Kunstneigung überein. Schon immer habe ich gern gemalt, in Kanada hatte ich sogar eine kleine Ausstellung meiner Bilder.

Sie haben die Attestation abgelegt, alles ist Ihnen gelungen, und dann auf einmal die Emigration. Warum?

Weil mein Exmann auch nach Kanada emigrierte und mein Sohn hatte großes Heimweh nach ihm.

Sie haben hier alles aufgegeben, weil der Sohn Heimweh hatte?

Er war sehr traurig, es hat ihn gebrochen. Mit Zwölf braucht ein Junge vielleicht mehr den Vater, als die Mutter. Bis heute kann ich mich genau daran erinnern – wir haben auf einer Bank gesessen und ich habe ihm die Emigration in den dunkelsten Tönen ausgemalt. Dass ich dort keine Arbeit finden müsste, nicht einmal als Krankenschwester, dass es kein Geld geben werde, dass er auf viele Dinge verzichten werde müssen, dass wir ganz auf uns allein gestellt sein würden, ohne Familie, ohne Freunde oder Bekannte. Trotzdem hatte er sich entschlossen, dass er zum Vater will. Niemals hat er es bereut und auch niemals hatte er sich beschwert.

Und weiter?

Wir sind losgeflogen. Auf die damals bekannte Art: nach Cuba mit der Zwischenlandung in Montreal, wo ich, wie viele anderen Tschechen, aus dem Flugzeug gestiegen bin und um Asyl bat. Von dort aus haben sie uns nach den Formalitäten ins Gefängnis gebracht und ich habe mir gesagt: Mein Gott, in welche Umstände habe ich denn meinen Sohn gebracht! Sie mussten natürlich zuerst eine Menge Sachen verifizieren, das war der übliche Vorgang, aber das wusste ich nicht.

Sind die schwarz gefärbten Momente der Emigration denn eingetreten?

Darauf können Sie Gift nehmen. Ich habe mit einem Eimer, Lappen und Besen angefangen und abends studierte ich dann.

Und das Wohnen?

In den acht Jahren, die ich in Kanada lebte, bin ich neunmal umgezogen. In Übereinstimmung mit der Arbeit haben wir auf den ärmlichsten Adressen begonnnen. Es ist uns zum Beispiel passiert, dass wir ins Drogenghetto der Schwarzen gelangt sind, voll von Schaben, auf den Korridoren waren Nadeln und Spritzen. Einfach schrecklich. Wie ich Schritt für Schritt zu besseren Arbeitsmöglichkeiten kam (Babysitting, auf alte Menschen aufpassen, Arbeit im Labor) besserten sich langsam auch unsere Wohnumstände aus. Das Problem in Kanada ist nicht das Angebot an Wohnungen, Sie müssen nur ausreichend Geld haben. Der entscheidende Faktor für ihr Wohnen ist aber auch Ihr sozialer Rang. Er verpflichtet Sie, ein Universitätsprofessor könnte es sich nicht erlauben in einem Plattenhaus zu wohnen, so wie es hier üblich ist. Es wäre unanständig.

Wie lange haben diese harten Zeiten gedauert?

Zwei Jahre, mit einer bessern Sprachkenntnis und dem Abschluss verschiedener Kurse bin ich auf der Rangliste der Arbeitsmöglichkeiten gestiegen, bis ich zurück auf das Universitätsniveau gelangt bin. Zur Medizin bin ich durch weiteres Studium auf zwei Universitäten zurückgekommen. Zuerst habe ich in Montreal nach einem zweijährigen Studium auf dem McGill den Master-Grad erreicht und dann bin ich, an Hand eines Konkurses, Mitglied des universitären Doktorandenteams geworden, der sich mit Brustkrebs auseinandersetzte. Das war schon in Vancouver auf der University of British Columbia. Ich habe Glück gehabt, denn ich bin unter erfahrene Experten gekommen, ich habe sowie auf der Klinik vorgetragen und gearbeitet, so auch mich meinem Doktorandenstudium gewidmet.

Ende gut, alles gut?

Ich glaube, dass alle diese Erfahrungen den Menschen stärken. Wenn Sie bis auf den Grund greifen, fangen Sie an, alles um sich herum, aber auch sich selbst, ganz anders wahrzunehmen. Und wenn Sie dann nach Hause kommen, sind Sie jemand anderes. Auch die, die geblieben sind scheinen Ihnen anders zu sein. Und Sie ihnen. Sie sind wieder ein Fremder, diesmal in ihrem eigenen Land. Sie vernehmen von neuem an einen kulturellen Schock, Sie wissen nicht, was vor einem Jahr geschehen ist, schon gar nicht vor acht Jahren.

Und Ihr Sohn? Hat er nicht ein Stück sorgenfreier Kindheit verloren?

Ich glaube, wenn das Kind eine starke positive Motivation hat, können sie viel auf es aufladen und es wird nicht zusammenbrechen. Und dies hatte er. Er wollte den Vater nicht verlieren. Der lebte zwar etwas weiter entfernt (5000Km, aber das nimmt man in Kanada nicht so), aber er konnte jederzeit zu ihm. Er ist Weihnachten zu ihm geflogen und die Ferien über haben sie Monate zusammen verbracht. Unser Sohn hatte zwar einen Haufen Arbeit und Verpflichtungen, aber er brachte sich Bescheidenheit und Arbeitsamkeit bei. Heute ist er ein ausgewogener und erfolgreicher junger Mann.

Sie sind zurückgekehrt und haben von Null an begonnen. Auch mit dem Wohnen?

Ja, ich habe in einer Einzimmerwohnung begonnen und hatte nicht einmal eine Kaffeetasse.

Mögen Sie es, Sachen einzurichten?

Ja, sehr. Ich bin von Bazaren zu Antiquitätenhändlern gelaufen und das sind für mich die wertvollsten Möbelstücke. Weil ich alte Sachen mit Patina und Geschichte mag, so ist es ganz einfach zum Hobby geworden. Viele Sachen habe ich auch von meinen Eltern und Großeltern bekommen oder geerbt und das sind für mich die wertvollsten Dinge. Auch mit Formen und Farben spiele ich sehr gern.

Was macht in Ihren Augen aus der Wohnung ein Zuhause?

Jeder Gegenstand in meiner Wohnung hat seine eigene Geschichte, ich habe eine persönliche Beziehung zu ihm, ich weiß, wo ich ihn gekauft habe, oder von wem ich ihn bekommen habe. Die Stücke sind für mich wertvoll, unabhängig von ihrem finanziellen Wert. Auf meinem Nachttisch habe ich zum Beispiel das Bild meiner Großmutter, manchmal sprechen wir zusammen (aber das ist schon eine andere Geschichte).

Wie wohnen die Kanadier?

Das kann ich nicht verallgemeinern, aber die Wohnkultur in Kanada ist ein bisschen anders. Das, was uns kitschig vorkommen mag, vernehmen sie dort als schön. Die Kanadier sind praktischer. Sie geben mehr Raum der technischen Ausstattung, sie haben zum Beispiel einen eigenen Raum für die Waschmaschine und die Trockenmaschine. Ich war ziemlich überrascht, dass ich nicht viele Bücher in den Wohnungen fand. Sie haben zwar auf jeder Etage ein Badezimmer, manchmal auch zwei, aber Bücher sind nicht ihre Priorität. Auch habe ich dort nicht so viele Bilder und Bildchen an den Wänden gesehen, wie in unseren Wohnungen.

Sie hatten in Kanada eine Bildausstellung!

Das war im Rahmen einer karitativen Tätigkeit. Ich bin keine Malerin, es ist mein Hobby. Meine Bilder habe ich immer verschenkt. Jetzt male ich nur noch sehr wenig, und wenn ich schon damit beginne, dann muss ich das Bild auch zu Ende bringen, ich kann nicht von einem angefangenem Leinen weggehen, auch wenn ich eine Nacht damit verbringen sollte. Das ist eine meiner Charaktereigenschaften: ich will alles fertiggebracht und bis ins Detail gezogen haben. Meine Mutter ist auch so, immer hatte sie super ordentlich aufgeräumt, alles in Ordnung gehabt, halt eien Perfektionistin. Wenn sie aber heute zu mir kommt, dann sagt sie: „ Du bist noch schlimmer als ich.“

Perfektionismus ist bei einem plastischen Chirurgen doch eine hervorragende Eigenschaft!

Sicherlich genauso, wie das Gefühl für Ästhetik und manuelle Geschicklichkeit.

Blicken Sie auf die vergangenen elf Jahre mit Zufriedenheit zurück?

Nicht alles gelingt gleich aufs erste Mal, aber wenn der Mensch ausdauernd ist, dann kann er an sein Ziel gelangen. Ich bin auf ausgezeichnete Mitarbeiter, hervorragende Ärzte und erstaunlich hingebungsvolle Krankenschwestern getroffen.

Ist die plastische Chirurgie gefragt in Kanada?

Die Kanadierinnen sind in dieser Hinsicht eher konservativ, im Gegensatz zu den Amerikanerinnen. Das Natürliche Altern ist für den Großteil von ihnen normal, selbstverständlich.

Empfehlen sie den plastischen Eingriff jedem?

Auf keinen Fall jedem. Im Gegensatz, oft rede ich den Eingriff aus. Die ästhetische Chirurgie hilft zwar gewisse körperliche Disproportionen zu beseitigen und es kann die Erscheinungen des Alterns lindern, aber nicht jeder ist ein geeigneter Kandidat. Auf solch eine Operation muss sich jeder vorbereiten. Man muss völlig gesund sein, genügen Zeit für die Pflege nach der Operation und vor allem – realistische Erwartungen haben. Wunder können wir nicht anstellen. Auf der anderen Seite, wenn Sie Kummer haben... der Mensch sollte gut zu sich sein und sich manchmal auch verwöhnen lassen. Aus Erfahrung weiß ich, dass eine Frau die sich einer Operation unterzieht, dass sie dann von der ganzen Familie umsorgt wird und die Patientinnen werten meist auch diese Phase als sehr schön, zudem gewinnen sie an besserem Aussehen und demzufolge haben sie ein besseres Gefühl mit sich selbst.

Tut es ihnen nicht weh, dass ihr Sohn, für den Sie sich aufgeopfert haben, jetzt auf der anderen Seite des Ozeans lebt?

Ich muss unterstreichen, dass ich nie das Gefühl hatte, dass ich mich für meinen Sohn aufgeopfert hätte. Eltern tun doch für ihre Kinder das, was sie als Bestes empfinden, und das ist doch kein Opfer, sonder ein Teil des Elternverhaltens. Wir besuchen den Sohn jedes Jahr in Kanada, wir verbringen den Urlaub zusammen, er kommt immer hierher und sagt dann, dass er nach Hause kommt. Das ist doch schön, oder? Natürlich habe ich oft Heimweh nach ihm, aber hier habe ich wiederum meine Eltern, meinen Bruder mit seiner Familie, Freunde. Hier bin ich hat zu Hause.

Planen Sie ein gemeinsames Weihnachtsfest?

Ja. Der Sohn wird kommen, wir werden zu meinen Eltern gehen und die Familie wird beisammen sein. Und so soll es sein. Ein schönes, ruhiges und behagliches Weihnachtsfest. Geschenke haben wird fast schon herausgelassen, wir schenken einander nur noch Kleinigkeiten, die Freude machen. Wichtig ist, dass wir beisammen sind.

Die Ergebnisse der Operation können bei jedem Patient unterschiedlich sein, das hier präsentierte Ergebnis kann nicht garantiert werden.